Atomkraft ist wieder IN. Die Kernenergie erscheint plötzlich als Retter im drohenden Klimawandel. In Deutschland fordern jetzt immer mehr den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Kaum einer spricht mehr von Tschernobyl. Dabei ist der Name dieser ukrainischen Kleinstadt ein Meilenstein in unserem kollektiven Gedächtnis. Vergleichbar mit dem 11. September.

In Deutschland brach Panik aus, als die Menschen vom größten anzunehmenden Unfall in der Sowjetunion hörten. Die Leute bunkerten Milchpulver und Konserven. Selbst in meiner Generation hat fast jeder eine Assoziation mit dieser Zeit. Bei mir waren es die Gänseblümchen, die ich nicht mehr essen durfte. Bei anderen sind es Pilze oder das Spielen im Sandkasten, das nicht mehr erlaubt war. Von diesem Moment an war meine Wahrnehmung von Natur gestört. Die Welt war eine andere geworden.

Der Ausgangspunkt meiner Recherche waren Menschen meines Alters, die die Katastrophe hautnah miterlebt haben. Dass wir Teile unseres Films dann in Brasilien drehen würden, war nicht zu erwarten. Olga sieht ihren brasilianischen Ehemann als eine direkte Wiedergutmachung für das Leid, das ihrer Familie durch Tschernobyl widerfahren ist. Brasilien wirkt von außen wie das Paradies, das Olga in ihrer Kindheit verloren hat. Die Liebesgeschichte zwischen Olga und Ivan ist ein Hoffnungsschimmer im Nachklang der Tragödie. Es ist die Perspektive der zweiten Generation auf die Folgen der Katastrophe. Auf Menschen, die ihr Leben frei von radioaktiver Strahlung leben möchten. Für mich zeigt Tschernobyl, wie leicht es ist, sich sein eigenes Paradies zu zerstören.

Sebastian Heinzel, November 2008.